WendeBlätter 2020, Ausgabe 29

Vorbemerkung

Urlaub auf Rügen, Halbinsel Wittow. – Bei der Anreise begrüßt uns auf dem weiträumigen Parkplatz des Campingareals ein neu errichteter, schwarz-roter Funkturm – nun also auch hier. Tagsüber ist der Turm außer Betrieb, sonst meutern die Rechner in der Rezeption. Ob 5G, G5, 3G …, das alles arbeitet auch im Sommer weiter, zum Unwohle des Bürgers. Ich bitte um Nachsicht, zuerst für das Sommer-Schweigen, dann dafür, dass ich diese 29. Ausgabe der WendeBlätter 2020 mit Glossen  fülle, die zum größten Teil meinem Ostseetagebuch Juli / August 2021 entstammen bzw. kurz vor oder unmittelbar nach dem Urlaub entstanden sind. Die Glossen offenbaren, als Bemerkungen am Rande, was sich einer so denkt, umgeben von Sonne, Regen, Sand, Wind und Meer und Menschen, im Anblick des Kormorans, der wie jedes Jahr auf dem Steine sitzt und seine Flügel breitet, sie im Winde zu trocken am Nordstrand von Wittow / Rügen. Und nun hinein in den Nachsommer, den bunten Herbst, den uns niemand verdunkeln soll, was auch immer geschehen mag …

Friede und Mut und Wahrheit und Kraft aus der Höhe für Euch alle!         G. Z.

Willenswelten

De libero arbitrio. – Das Märchen vom freien Willen. Es ist paradox: Nur in der Unterwerfung unter Gottes Willen liegt wahre Freiheit. Der menschliche Wille im Bannkreis des Irdischen ist immer versklavt, zum einen an die Vorurteile und Wertsetzungen der jeweiligen Zeit, zum zweiten an theologische und philosophische Willensbestimmungen, zum dritten an das menschliche Ich mit seinen Grenzen und Uferlosigkeiten.

Es gibt keinen guten oder bösen Willen. Der Wille ist weder gut noch böse, bestenfalls kann das Ziel, worauf der Wille sich richtet, als gut oder böse bestimmt werden. Voluntas ad bonum, ad malum. Wille zum Guten, Wille zum Bösen. Der Wille richtet sich auf beide Extreme und auf alle Schattierungen, alle Spielarten dazwischen.*

Wenn alle Wertsetzung nichtig ist, wie Nietzsche sagt, kann auch der Wille nichts ausrichten, sei er nun auf Gutes oder Böses oder Vermischtes aus.

Die Frage ist, ob ich den Willen, der in mir aufsteigt, bejahe oder verneine, mich ihm unterwerfe oder ihn negiere. Schopenhauer sagt: „Die Bejahung des Willens ist das von keiner Erkenntnis gestörte beständige Wollen selbst, wie es das Leben der Menschen im Allgemeinen ausfüllt.“**

Wenn wir die „Welt als Wille“ betrachten, kann sie nur Wille Gottes sein, hinzu kommt unsere menschlich begrenzte Vorstellung von der Welt. Und der menschlich-allzumenschliche „Wille zur Macht“, von dem Nietzsche spricht. 

* Zu den Kategorien „gut“ und „böse“ vgl. Schopenhauer: Welt als Wille u. Vorstellung I, § 65.

** Schopenhauer: Welt als Wille u. Vorstellung I, § 60.

07. Juli / 28. Aug. 2021

Wem gehört mein Dorf? oder Vier zu drei

Dieser Dokumentarfilm „Wem gehört mein Dorf?“ (Deutschland 2021) in der Regie von Christoph Eder war für mich das Beste, was das Programm des Ostseekinos Rügen in Kuhle auf Wittow zu bieten hatte. Der Regisseur, bei der Aufführung anwesend, erzählt in seinem Film aus seinem Heimatort, dem Ostseebad Göhren. Es geht um Bebauungspläne, die Veränderung der Landschaft und den Widerstand dagegen. Im Gemeinderat haben sieben Ratsmitglieder alle Entscheidung zu treffen. Ob es sich um Bauanträge handelt oder andere Gegenstände der Abstimmung,  das Ergebnis ist immer das gleiche: vier zu drei, weil diese vier, aus welchen Gründen auch immer, eisern zusammenhalten. Der Bürgermeister ist machtlos. Schließlich ergreifen Menschen im Ort die Initiative und gewinnen die nächste Gemeindewahl. Wie im Märchen geht die Geschichte gut aus. Künftig wird, gerade was Bauanträge und den Schutz der Landschaft betrifft, subtiler entschieden werden. Die Landschaft ist gerettet.

Im Anschluss an den Film war Gelegenheit sich zu äußern, mit dem Regisseur ins Gespräch zu konmmen. Das Kino ist voll besetzt, da erhebt sich ganz hinten ein Mann:

„Ich danke Ihnen für diesen Film. Ich hatte schon fast den Glauben an Demokratie verloren. In Göhren hat Demokratie offenbar Erfolg gehabt. – Und auch dies lerne ich aus Ihrem Film: es gibt also doch so etwas wie … (ich will das Reizwort* nicht nennen) Gruppenbildung, Absprachen, Interessengemeinschaften. Das ist im Kleinen so und auch in der großen Politik.“

Die Menschen im Kino geben Beifall, sie haben verstanden, wovon der Mann redet. Selbstverständlich gibt es geheime Absprachen, auch im globalen Maßstab. 

29. Juli / 29. August 2021

* Verwiesen sei an dieser Stelle auf den treffenden, sehr lesenswerten Beitrag von Tim Foyle / Bastian Barucker: Die Psychologie der Verschwörungsleugner. – In: SEIN, Nr. 312 / 313, Aug. / Sept. 2021, S. 14 – 19. Der Artikel von Tim Foyle erschien in Englisch bereits am 12. 03. 2021 auf off-guardian. org unter dem Titel: On the psychologie of the conspiracy-denier.  

31. Aug. 2021 (nach Redaktionsschluß)

Das Beste

„Das Beste bleibt doch immer für sich …“ (Hölderlin). – Du hast schon Recht, es ist nicht immer das Beste, was für sich bleibt. Aber lassen wir die Perle doch ruhen

„im Grunde des Meers“ …*

* Hölderlin an Diotima: „Ich bringe mich mit Mühe zu Worten …“ (Hyperion).

Freiheitsstolz

Fragt das Kind:

„Guter Mann, warum trägst Du das Ding da vor Deinem Gesicht? Du musst das doch gar nicht mehr.“

Der Mann: „Was geht Dich das an, das ist meine Freiheit!

Geschäftsidee

Wer es bis jetzt noch nicht gemerkt hat, dass Corona eine ausgefeilte, skrupellose Geschäftsidee in sich birgt, dem ist nicht zu helfen, der wird nie irgend etwas von dem, was in dieser Welt an Bösem, Faschistoidem vor sich geht, wirklich wahrnehmen, auch nur erahnen.

22. Juli 2021

Come back in Z.

„So können Sie bei uns nicht arbeiten, ohne Maske und Schutzanzug. Nicht in unseren Vereinsräumen!“ – „Auch gut, ist mir recht“, sagt der Zimmermann, packt sein Werkzeug und geht.

Komm zurück ins Leben. Come back, fang Dich. Wach auf!

26. / 27. Juli 2021

Schulterzucken

Ein Toter bei der Demonstration am 01. Aug. 2021 in Berlin? Schulterzucken. Kann passieren, warum hat er sich auch widersetzt?! Musste er zu dieser Demonstration?

Schulterzucken bei einem (Basis-)Toten.

Schulterzucken bei 10 Toten? Bei 100 Toten?

Bei tausend Toten? Und bei einer Million Toten immer noch?

09. Aug. 2021

Elendszeiten

„Vide tempora omni plena miseria.” – „Sieh, wie die Zeiten voll sind allen Elends!”*

* Otto Bischof von Freising: Chronik …, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1980, S. 140 / 141.

Das Ohmsche Gesetz

Der Pfarrer in A. hat sein eigenes Ohmsches Gesetz: Kirche ohne Widerstand. U = R mal I, Spannung ist Widerstand mal Stromstärke, URI, soviel weiß ich noch. Was aber passiert, wenn man den Widerstand weglässt, ihn kleinzuhalten sucht bei hoher sozialer Spannung und Stromstärke?

Ein geistiger Kabelbrand droht die Gesellschaft zu zerstören, das Haus, in dem wir miteinander leben. Auch die Kirche als geistlichen Tempel (templum spirituale). Wo ein protestanischer Pfarrer eine irrige Theologie der Religionen predigt: “überall ein und derselbe Gott, in allen Religonen”, macht er den Gott der Bibel belanglos, tönt es von der Kanzel am Ende nur noch – Omm, Omm, Omm …

Kritiker des Corona-Wahns: Wenige oder viele?

„Es sind ja nur wenige …” – Für mich sind es erstaunlich

viele bei den Demonstrationen, wenn man bedenkt, dass die große Masse bewusstseinsgesteuert ist …

11. / 28. Aug. 2021

Maskiert am Meer

Da geht jemand am Meer spazieren – mit der Maske am Ärmelaufschlag. Was soll das? Ich fasse es nicht … Der testwillige, gehorsambeflissene, maskierte junge Mann in der Rezeption des Campingplatzes: „Ich bin getestet, negativ! Muss ich, soll ich, darf  ich dann noch einmal kommen?” –  „Neinnein, nicht nötig.” Zu wiederholten Tests wäre er ohne weiteres bereit …

Im Staatsdienst (Cicero)

Wir können dem Staat (der Republik) keinen besseren und höheren Dienst erweisen als den, dass wir die Jugend lehren und sie zur Wahrheit erziehen mit Geduld, zumal in diesen bösen Zeiten, in denen sie von Irrlehren und chaotischen Mächten in so hohem Maße verführt wird, dass sie mit allen Kräften aus diesem dunklem Zwang und skrupelloser Bewusstseinsprägung befreit werden muss.*

Wie soll Jugend geistig wachsen mit einem verzerrten Geschichtsbild, der Zerstörung von Tradition und Familie, mit zerschlagenen Idealen, die dem Unbeständigen weichen mussten, mit der Erziehung zur Ichhaftigkeit, Leibhaftigkeit, Selbstbespiegelung, mit einem egoistischen, sexualisierten Menschenbild, einem entleerten Humanum als Gottersatz, wie soll Jugend einen Lebenssinn finden, wenn ihre Unschuld fortgesetzt missbraucht und in das offene Herz, das jungen Bewusstsein geistiger Un-Rat  geschüttet wird, wenn man die jugendliche Seele an Außenhirne (Tele-Vision,  Rechner, Smartphone) bindet, denen sie schutzlos preisgegeben ist …  

Und dennoch – ich erhoffe mir viel von der Jugend, ihrer frischen geistigen Potenz, ihrem Zukunftsmut, ihrem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit. Von ihrer Resistenz, ihrer Widerstandskraft, ihrem Glauben an die Freude, an die Liebe, an den Sieg der Wahrheit.   

* Formulierung in Umdeutung eines Cicero-Wortes, das sich am Alten Gymnasium in Zittau als Motto findet. Der Text lautet: Nullum munus melius maiusve rei publicae offere possumus quam si doceamus atque erudiamus iuventutem his praesertim moribus ac temporibus quibus ita prolapsa est ut omnium opibus refrenanda atque coercenda sit. – Wir können dem Staat keinen besseren und höheren Dienst erweisen, als wenn wir die Jugend lehren und erziehen, zumal in diesen Zeitläuften, wo sie derart heruntergekommen ist, dass sie mit allen Mitteln gezügelt und gebändigt werden muss.

Bei Cicero (De divinatione, liber secundus, 4, ca. 44 v. Chr., in Ciceros Todesjahr geschrieben) ist der Satz als Frage formuliert, die Pädagogik späterer Zeit hat daraus eine strenge Aussage, einen Situationsbefund gemacht und damit der Jugend aller Zeiten Unrecht getan.      11. / 29.Aug. 2021

Schöne Körper

Der Körper allein ist es nicht, schau ins Gesicht! Es gibt einen hochmütigen Stolz, der dazu reizt, ihn zu brechen (oder gleichgültig vorüber zu gehen). Und einen natürlichen Stolz, der zur Verehrung, zur Schönheit lockt …

Achtung vor den Molligen, die sich frei bewegen am FKK-Strande. Hier ist Platz für alle, ohne Unterschied. Zwei Grazien: die eine sehr schlank, die andere etwas füllig. Ein Idealbild aus beiden? Nein, das Natürliche genügt.

Ein bemalter Stein

Ein bemalter Stein – “Da war die ganze Welt drauf”, sagt Gustav,

mein Söhnlein von knapp fünf Jahren.

Der Stein verloren – die Welt verloren.

Da ist ein neuer Stein! Schön …

Schöne neue Welt?*

* Aldous Huxley: Brave New World; vgl. WendeBlätter 2020,

Ausg. 23 v. 17. April 2021, S. 26 – 32.

Arkandisziplin oder Tunnelblick

Nur gut, dass wir nicht alles wissen, was unter der Erde und oben im Weltraum geschieht … Und worin der Papst verstrickt ist, wir würden erschrecken.

12.  / 27. Aug. 2021

Außenhirn

Ein achtjähriges Kind neben seiner Mutter im Anblick des Meeres. Beide mit dem Handy befasst. Kein Gespräch miteinander, auch nicht mit sich selbst. Nur mit dem Hilfs-Hirn da draußen …

13. / 14. Aug. 2021

Madonna in Israel (2019)

Eurovision Song Contest 2019. “Eine weltweite Ikone, eine lebende Legende”, fast eine Göttin – so kündigt man sie an unter dem Jubel von Tausenden. Dann erscheint die Ikone, von einer Kutte bedeckt. Glocken läuten, gesichtsverhüllte Mönche singen. Die Göttin zeigt ihr Gesicht. Das linke Auge unter einer schwarzen Binde, darauf ein silbernes X, auch auf der Brust, weit größer, dieses schräge Kreuz. Die Show läuft ab mit aufwendigen, ins Transzendente weisenden Lichteffekten. Kutten- und Masken-gestalten, von der Göttin hart an Kopf und Maske genommen, bewegen sich auf einer Riesentreppe, man wird an einen Altar erinnert. Madonna singt: “Not everyone ist coming to the future, not everyone is learning from the past” – nicht jeder kommt in die Zukunft, nicht jeder lernt aus der Vergangenheit. Eine dunkle Prophetie … Zuletzt steht Madonna ganz oben, die letzten Menschen stürzen hintenüber, fallen stumm ins Nichts.

Am Ende des Videos ein klares Freimaurer-Symbol: ein pyramidales Dreieck, die Spitze nach oben. Ganz am Schluss der Schriftzug: Wake up! Wach auf!

In den Kommentaren zum Video ist zu lesen: That wasn’t a performance – that was f[u]ckin[g] WARNING, a satanic may queen ritual. One eye shows allegiance to Satan. Keine Performance, eine Warnung vielleicht, ein satanisches Frühlings-Ritual, ein Auge offenbart die Satansgefolgschaft und das Ränkespiel. Die Frage bleibt: Gehört Madonna selbst zu diesem Kreis oder wollte sie uns, wie eine Prophetin, ernsthaft warnen? Ob Mitakteurin des globalen Spiels oder Mahnerin, jedenfalls hat sie von dem gewusst, was 2020 kommen würde.

Wer von den über 17 Millionen, die das Video bisher gesehen haben, hat sich wirklich warnen lassen? Was muss noch geschehen? Mensch, wach auf! Sapere aude! Wage Erkenntnis, habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen.

Madonnas Show (sie will ja in der Tat etwas zeigen, ein Zeichen setzen) erinnert an die Eröffnung des neuen Gotthardtunnels am 01. 06. 2016, wo mit ungeheurem Aufwand, 600 Schauspielern und Riesenleinwänden an beiden Tunnelöffnungen, ein unerbauliches Symbolik-Musical mit bedroh-licher Choreographie und dunkler Musik aufgeführt wurde. Nur Bös-Gewaltiges, nichts Schönes daran. Ein Tänzer mit Bockshörnern, eine Satansgestalt, trug am Ende den Sieg davon – unter dem Beifall der Polit-Größen Europas. Kanzlerin M. war dabei.

11. / 28. Aug. 2021

Ratlosigkeit I

Zwei Menschen (sind’s Frauen, sind’s Männer, oder ist’s ein Paar?) am Steinstrand Nord-Wittow: blind für die Landschaft, die ihnen nur als Kulisse dient – für ihr multiloquium, die vielen Worte …

Ein Wort gibt das andere, eine Ratlosigkeit reicht der anderen die Hand. Eine volle Stunde geredet und nichts dabei, was Substanz, irgendeine Verbindung zur geistigen Welt ahnen ließe.

Stimmig war da nichts. Weder auf der geistigen, noch auf der rationalen, noch auf der emotionalen Ebene … Der bloße Meinungstausch bringt keinen Rat.

12. / 27. Aug. 2021

Ratlosigkeit II

Zwei im Gespräch. Was man hört, sind Rat-Schläge (mehr Schläge als Rat) oder Rad-Schläge: sich im Kreise drehen mit Selbsterfahrenem und dem, was der Zeitgeist einem Menschen eingeimpft, sich in ihm als Meinung verfestigt hat. Am Ende ist er noch stolz darauf …

Was kann bei solcher Rad- und Rat-Schlägerei anderes herauskommen –

als Un-Rat.

Ratlosigkeit III

Nachdem nun jeder für sich ein Leben lang vergeblich bestrebt war, sich in Münchhausen-Manier am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Ich-Versagens zu ziehen (Stichwort Selbstfindung), will nun eine Ratlosigkeit der andern aufhelfen.

Ob ein gutes Rad oder ein guter Rat:

beides ist teuer.

16. / 27. Aug. 2021

Erkenntnishinderung

Die Mahnung: „Erkenne dich selbst” und die Suche nach sich selbst unter dem Namen „Selbstfindung” ist nicht dasselbe.

Erkenne Dich selbst, dann findest Du Gott? – Nein, umgekehrt, die Gotteserkenntnis kommt vor der Selbsterkenntis, ist das Ranghöhere. An der Gotteserkenntnis führt kein Weg vorbei. Falls ich einen Winkel suche, wo Gott nichts zu sagen hat (etwa im  Ich-selbst?) – einen solchen Winkel gibt es nicht.

16. / 27. Aug. 2021

Der Mensch auf der Suche nach einem Winkel im Universum

Der Sündenfall (1. Mose, Kap 3) in der Deutung von C. S. Lewis: Wie wir heute, so verlangten auch die ersten Menschen danach, „Eigentum zu haben, für ihre eigene Zukunft selbst zu sorgen, Pläne zu machen für ihr Vergnügen und für die Sicherheit, etwas zu haben, was ihnen selbst gehört, von dem sie dann zweifellos Gott einen einigermaßen vernünftigen Tribut zahlen würden, etwa in Gestalt von Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe, das aber nichtsdestoweniger ihr Eigentum wäre und nicht Seines. Sie wollten, wie man sagt, ihre Seele zu eigen haben’.

Das aber heißt eine Lüge leben; denn unsere Seele ist tatsächlich nicht unser eigen. Sie wollten einen Winkel im Universum, von dem her sie zu Gott sprechen könnten: ,Das ist unsere eigene Angelegenheit, nicht Deine’. Solch einen Winkel aber gibt es nicht.”*

* C. S. Lewis (1898 – 1963): Über den Schmerz, München: Kösel-Verlag, 1978 / Gießen: Brunnen Verlag, 2009, S. 78. Seele, Hebr. näfäsch, meint: das Leben.

28. Aug. 2021

Kinosommer 2021 (Rügen)

Willst Du wissen, wes Geistes Kinder Deine lieben Mitmenschen im Kino sind, dann achte darauf, an welchen Stellen sie lachen. Drama / Komödie, steht in der Ankündigung – ja, was denn nun? Vermutlich beides: wenig echter Humor, und schlechte Dramatik.

Wie war der Film? Vom Standpunkt des allgemeinen Zeitgeistes „ganz lustig”. Wenn man keinen anderen Maßstab hat als den eines oberflächlichen Hedonismus* … Über Geschmack und Niveau wollen wir nicht streiten.

Filme, die in den Großkinos der breiten Masse angeboten werden, kommen oft über den engen, von zeitgeistigen Vorgaben geprägten Horizont des jeweiligen Regisseurs nicht hinaus, bleiben buchstäblich in ihm hängen. Unverkennbar eine blinde Ver-haftung im Zeitgeist, bei dem, was man heute im Allgemeinen denkt, glaubt, für gut und richtig hält. Von Action-Filmen ganz zu schweigen: viel Gewalt und wenig Handlung. Insgesamt blutwenig geistige Substanz. Und das hat Methode. Auch die Großkinos sind Teil des Propaganda-Apparats, einer gezielten Bewusstseinsprägung …

* Hedonismus oder Felicianismus: die Glückseligkeit als Lebensprinzip. Aber wo gibt es wahres Glück ohne – den Schmerz …

16. / 29. Aug. 2021

Erziehung des Menschengeschlechts?

„Education is the most powerful weapon we can use to change the world.“*

Nelson R. Mandela 

Ja, ich weiß, wie es gemeint ist. Aber ich glaube nicht an Erziehung, jedenfalls nicht an die „Erziehung des Menschengeschlechts“ (Lessing), das ist eine große Illusion. To change the world? Die Welt verändern? – Zuerst: to change oneself, sich selbst verändern, bei mir selbst anfangen mit Gottes Hilfe. Alle großen Weltveränderungs-entwürfe hatten letztlich Gewalt im Programm und Gewalt zur Konsequenz. 

* Erziehung ist die mächtigste Waffe, die wir gebrauchen können, um die Welt zu verändern. – Inschrift an einer Wand auf dem Kinogelände in Kuhle / Rügen.

17. / 29. Aug. 2021

Über Schaulust und Dabeisein

Mit Recht verweist man die Gaffer des Unfallortes, die ihre Neugier nicht bezähmen können und sich am Unglück anderer weiden.

Ein Corona-Kritiker stirbt – an Corona. Und Aasgeier stürzen sich darauf. Woher hat die Presse überhaupt davon erfahren, wie sind Journalisten auf die Intensivstation gelangt, wer hat sie hereingelassen, dort Bilder zu machen?

Wo die Schadenfreue ihre Fratze zeigt, tut sie das für keinen guten Zweck. Politik, die sich auf solche Häme einlässt, sie zum Instrument der Propaganda macht, sich weidet am Tode des Andersdenkenden, liefert so im Grunde schon den Beweis des bösen Zwecks.* Ihre Glaubwürdigkeit jedenfalls hat sie verspielt.

Hinderung I: Demonstration in Berlin (August 2021)

Die Polizei hält in der Peripherie der Stadt das Fahrzeug der Veranstalter auf, nimmt die Autoschlüssel an sich. Die vier laufen auf verschiedenen Wegen in die Stadt hinein. Man erkennt sie, Menschen schließen sich an, wählen enge Straßen, wo wegen der Geschäfte – Wasserwerfer nicht einsetzbar sind …

Hinderung II: Demonstration in Leipzig (August 2021)

Eine Stunde lang prüft die Polizei die Dokumente der Veranstalter, verzögert mit Vorsatz den Beginn der Kundgebung, so dass die Menge (es waren ohnehin nur etwa sechshundert, wie mir ein Teilnehmer auf dem Zeltplatz erzählt) sich fast schon zerstreute. Solche Diaspora hat Methode …

Endlich kann die Kundgebung beginnen. Für die, die geduldig waren, hat sich das Warten gelohnt. Es kamen gute Beiträge. – Wer beharrt bis ans Ende, gegen alle Hinderung, wird selig werden, Gutes erfahren.*

* Vgl. Matthäus 10, 22. In Kap. 10 geht es um die Aussendung der Jünger und die Mahnung zum mutigen Bekennen, es empfiehlt sich, das ganze Kapitel zu lesen. – Nachtrag v. 01. Sept 2021: Täuscht Euch nicht. Nur weil man überall die Demonstrationen zerschlagen hat, ist der Widerstand nicht am Ende. Auch wenn man uns ganz zum Schweigen brächte, da stehen andere auf …

20. / 28. Aug. 2021

Der greise Kopf

„Der Reif hat einen weißen Schein / Mir übers Haar gestreuet …“* – Wenn  schon die Schwiegersöhne grau werden, ahnt man, was (und wem) die Stunde geschlagen hat.

* Zitat aus dem Gedicht „Der greise Kopf“, vgl. Wilhelm Müller (1794 – 1827): Die Winterreise, vertont von Franz Schubert (1797 – 1828).

Vom Denken und Reden

„Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Kleist 1805 / 1806). Einem befreundeten Dresdner Dichter, zur Wendezeit verstorben, war dies ein Wahlspruch. – Ich denke lieber vorher … Und bleibe dann stecken.

20. / 28. Aug. 2021

Gedanken vor Tage

Gedanken, die sich vor Sonnenaufgang erheben, gehören sie dem Tage, der Nacht? Mit Grabeslichtern erhelle ich das Blatt, auf dem ich schreibe. Im Grabesdunkel wächst das Licht aus einer Melodie des Mittelalters:

„Christ ist erstanden / von der Marter alle …”

Sprachlosigkeit

Wie konnte ich den Notker*-Roman zu Ende schreiben, wenn ich die tiefe, abgründige  Sprachlosigkeit noch gar nicht kannte, nur das Leiden an der eigenen Sprachhemmung, aber noch nicht das Leiden an der Sprache selbst, ihren begrenzten Ausdrucks-möglichkeiten, ihrer Tendenz zur Kommunikationsverhinderung.

Ja, immer wieder stoßen wir an Grenzen – auch in der Coronadebatte –, da richten Worte nichts mehr aus. Je mehr wir reden, um so mehr entfernen wir uns voneinander. 

* Notker Balbulus, der Stammler von St. Gallen (ca. 840 – 912), ein Stammler und ein Dichter …

21. / 30. Aug. 2021

Der Atheist

Wenn einer von Glaube und Kirche nichts wissen will und mit schroffer Abweisung reagiert „Ich bin der liebe Gott!”, was für ein jämmerliches Gottesbild offenbart sich da? Aber er glaubt es ja nicht wirklich, will nur verletzen, die empfindliche Stelle treffen. In der Tat ist dieser Satz: „Ich bin der liebe Gott” die höchst Blasphemie, die letzte Stufe vor der offenen Gotteslästerung und Beschimpfung, zu der nicht einmal der Teufel fähig ist, der bei aller Teufelei noch immer einen Rest Gottesfurcht in sich trägt. Er weiß: Gott existiert und hat die letzte Macht über ihn.

Dem Wahnsinnigen nimmt man es nicht übel, wenn er in geistiger Verwirrung   schreibt: „Zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott” (Nietzsche 1889 an Jacob Burckhardt). – Dass der Mensch sich an die Stelle Gottes setzt, ist die Ursünde, die Urverfehlung der Menscheit. Der Sündenfall schlechthin, der sich wiederholt bis auf den heutigen Tag. 

Argumente

Den Glauben kann man nicht herbeiargumentieren. Glaube ist mehr als nur Für-wahr-Halten, Glaube (Lat. fides) meint Vertrauen, vergleichbar mit dem Urvertrauen der neugeborenen Kinder an der Mutterbrust (quasi modo geniti … / vgl. 2 Petr 2, 2). 

Die Evangelien argumentieren nicht, sie setzen alles menschliche Argumentieren außere Kraft.

Gut und Böse

Wenn es nach Nietzsches Auffassung weder das Gute noch das Böse gibt (als Abstraktum), braucht es doch zumindest Maßstäbe, Lebensordnungen, eine Art Verkehrsschilder (also doch die Zehn Gebote?), soll das Leben nicht im Chaos enden. Denn da herrscht Diabolos, der Durcheinander-Würfler. Den Sturz aller Wertsetzungen im 20. / 21. Jahrhundert  hat Nietzsche vorausgesehen.*

* Eine Besprechung von Nietzsches Nachlasswerk „Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte” (1906 / 1911) in den WendeBlättern steht noch aus.

22. / 28. Aug. 2021

Zechpreller

Nach dem Ostseeurlaub: maskenfrei in einem Geschäft in Hohnstein, Sächsische Schweiz. Am Tisch entspinnt sich ein Gespräch. Ich bin noch träge vom Urlaub, der Konversation eher abgeneigt. Es geht um Glaube (Gottvertrauen), Sprachstörung, um die Kraft biblischer Worte angesichts der Parolen und des Palavers von Medien und Politik, um Seelenwanderung und das ewige Leben, um Himmel und Hölle und das jüngste Gericht. – Uff, etwas viel auf einmal …

Ja, es gibt eine Letztverantwortung, der niemand entrinnen kann. Dann verlasse ich den Laden, will noch ins Kino nach N. Schon auf dem Markt, kehre ich wieder um, ich habe den Kaffee nicht bezahlt. „Hier kommt ein reuiger Zellpreller …” Man lacht, ruft mir hinterher, der Kaffee war umsonst.

Assoziation: Menschen, die bei Gott die Zeche prellen, nichts hingeben wollen für das Geschenk des Lebens, weil sie denken, Gott gibt es nicht. Dabei gibt er ihnen alles gratis, das heißt: sola gratia, allein aus Gnade und Barmherzigkeit. Und wenn etwas querläuft im Leben, wenn es nicht so geht, wie man es sich gedacht hat, dann gibt es Gott plötzlich doch, man redet mit ihm wie mit einem Duzfreund, den es zu schelten gilt, lastet ihm alle Schuld am Elend dieser Welt und der eigenen Misere an: „Wie kannst Du, Gott, das nur zulassen?!”

Ja, wie kannst Du all die Verleugnung, die Beschimpfung, die Beschmutzung Deines Namens, die ganze Blasphemie nur zulassen? – Sola gratia, Ihr lieben Menschenkinder … Allein aus Gnade und Barmherzigkeit. Aus Liebe zu Euch …

Balanceakt

In Hohnstein ist quer über den Markt, von links der Burg bis zum Kirchturm weiter unten, ein Seil gespannt, auf dem ein junger Bergsteiger Richtung Kirche balanciert. In dieser Zeit wahrhaft ein Balanceakt. Selbstverständlich ist der Mann an dem Seil, auf dem er läuft, gesichert – für den Fall … Von unten schaut man zu.

Mich berührt das Ganze wenig. Interessanter wäre zu erfahren, wie ein Mensch die Balanceakte seines Lebens, die dunklen Täler und Untiefen meistert, oder besser: wie ihm hinweggeholfen wird. Wie sich hier sein Mut bewährt, und sein Gottvertrauen …

27. Aug. 2021

Gesichter

Das Kino in N. spielt wieder seit voriger Woche. Ich gehe in den Rausch, so der Name des Filmes … Die junge Frau an der Kasse, sie legt Wert auf gute Filmauswahl, hat mir „Fellinis Faces” zurückgegeben, ein Fotobuch, vor Monaten verliehen, mit vielfältigen, charakteristischen Gesichtern, keine Hollywood-Bilder …

Was mich am meisten schmerzt: Wenn ich junge Menschen sehe, die sich in der Überzahl wie selbstverständlich der Maske, dem Test und am Ende auch der Nadel unterwerfen, dies alles reichlich kritiklos (worin ich hoffentlich irre). Bei der Studentin – ich rate ins maskiert-Blaue hinein –, die sich mit ihrer Mutter jetzt rechts in der Sitzreihe nicht weit von mir niederlässt, registriere ich die Reihenfolge der Handlungen:

Zuerst nimmt sie ihren Rucksack ab, dann zieht sie ihre Jacke aus, als Drittes greift sie zum Handy und erst jetzt, endlich – legt sie ihre Maske ab.

Offenbar empfindet sie diese nicht als Last, sondern als etwas ganz Selbst-verständliches, zu ihr Gehörendes. Als sie die Maske abnimmt, ist fast so etwas wie Scham dabei, jetzt das Gesicht entblößen zu müssen. Wie jene Frau, die von sich sagt, wenn ich mich nicht schminke, fühle ich mich nackt.

In der Tat liegt für mich in diesem Abnehmen der Maske, im Erkennen des Gesichts etwas (ich suche nach dem passenden Wort) – unmaskiert Erotisches …

27. Aug. 2021

wir müssen achtsam sein die welt ist unser gesicht

ein fernes schreiten von welten

weit das licht das dunkel greift tief um die herzen und bricht dornen in das fell

wir müssen achtsam sein die welt ist unser gesicht

ein nahes greifen von fluten

tief spült die lüge das lebendige unter die haut und malt fern weh ins leben

wir müssen achtsam sein die welt ist unser gedicht

ein weites schreiben von zeiten

aus sagen und fragen des gemessenen und gefühlten im raum des erinnerten sein

wir müssen achtsam sein die welt ist unser gesicht

trägt und treibt wurzelwerkkronen

das blühen und welken von liebe von ferne und aufgehobensein in gott

wir wollen achtsam sein die welt ist unser gesicht

ein volles tanzen in welten

gesungenes licht die nacht greift weit in die himmel und sagt wir

Katya Garcia

Juli 2021

das meer der erinnerung schafft räume für nicht gesagtes und alle gesten finden statt

buchstaben fern und stillblind

entlang der linien die in die haut geschrieben sind ein gewirk aus gelebten

erfahrungen und gebotenem schweigen

sag mir leise wenn es mond wird

tanze mir den zukunftsmorgen wie ein schmetterling den sturm

falle in die hände der morgenröte sie bäckt mir ein brot

für die zeit wo es laut dunkel wird und ich schweige in die zeit

in den gesungenen höhlen verstummt das träumen

buchstaben fallen wild über die wirklichkeit her es wirkt und treibt

dornen aus dem zeilenwald

munterbunt schriften sich lügen in die handflächen hinter den gesten

halt ruft es haltung und händegesuch im gegenüber

ein kaltes treiben an der nackten wand

töne umwachsen die nacht und die laterne aus dem gestern

das immergleiche abends und doch stummt die zeit

mir rauscht das leben aus den worten atemsaum am buntglas

kalt wird mir an den ungesagten bergen über die ich steige wenn es lebendig wird

das geben und erinnern

zwischen den flüssen tälern an der zeit entlang

das ufer im auge und hinter den augen das ungesagte land tagesleise

es regnet sehnsucht

und in den tönen am ohr ein flehen ein stimmen am bild

Katya Garcia

Juli 2021

Rainer Maria Rilke 

                    Liebes-Lied

                    Wie soll ich meine Seele halten, daß

                    sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie

                    hinheben über dich zu andern Dingen?

                    Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas

                    Verlorenem im Dunkel unterbringen

                    an einer fremden stillen Stelle, die

                    nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

                    Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,

                    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,

                    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

                    Auf welches Instrument sind wir gespannt?

                    Und welcher Geiger hat uns in der Hand?

                    O süßes Lied.

                              1907

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